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ⓘ Urgermanische Sprache. Urgermanisch nennt man die hypothetische Vorläufersprache aller germanischen Sprachen, gewissermaßen die Ursprache der germanischen Sprac ..




Urgermanische Sprache
                                     

ⓘ Urgermanische Sprache

Urgermanisch nennt man die hypothetische Vorläufersprache aller germanischen Sprachen, gewissermaßen die Ursprache der germanischen Sprachfamilie, zu der unter anderem die heutigen Sprachen Deutsch, Englisch, Niederländisch oder Schwedisch zählen. Es entwickelte sich möglicherweise im 2. Jahrtausend v. Chr., spätestens im 1. Jahrtausend grob rund um die westliche Ostsee, nach anderen Quellen etwas weiter südlich um den Harz herum.

                                     

1. Sprecher und wichtigste Merkmale

Die Sprecher dieser Sprachstufe werden unabhängig von ethnologischen und geografischen Belegen als Germanen bezeichnet. Über die Datierung des Urgermanischen lässt sich mangels Textzeugnissen nichts Genaues sagen. Die ihm vorangehende, nachindogermanische Sprachstufe, in der die erste Lautverschiebung einschließlich der durch das Vernersche Gesetz bezeichneten Ausnahmen und die Akzentverlagerung auf die Stammsilbe noch nicht vollzogen waren, wird als Prägermanisch engl. Pre-Germanic, frz. pré-germanique bezeichnet.

Zu den auffälligsten Merkmalen des Urgermanischen zählt im Bereich der Phonologie das aus der ersten Lautverschiebung hervorgegangene neue Verschlusslaut-Obstruenten-System. Im Bereich der Morphologie waren das auf Ablaut basierende System der starken Verben, die Einführung eines Zahnlautes zur Kennzeichnung der Vergangenheit Dentalpräteritums sowie die Einführung einer schwachen Adjektivflexion charakteristische Merkmale des Urgermanischen.

                                     

2. Datierung und Einordnung

Das Urgermanische wurde bis zur beginnenden Auflösung der germanischen Spracheinheit gegen Ende des 1. Jahrtausends v. Chr. gesprochen, war aber zu diesem Zeitpunkt angesichts der Ausdehnung seines Verbreitungsgebietes sicher bereits dialektal gegliedert. Ein Hinweis dafür findet sich in der Germania von Tacitus Kap. 43.1. Außerdem hatte die germanische Sprache zu diesem Zeitpunkt schon eine lange Entwicklung durchlaufen, über deren Ablauf im Einzelnen wenig bekannt ist. Deshalb sind in der Regel nur Früher-Später-Bezüge Relativchronologien möglich, d. h. Aussagen über die Reihenfolge verschiedener phonetischer und morphologischer Veränderungen, nicht aber über deren Zeitraum.

Verschiedentlich wurde das Germanische mit anderen indogermanischen Sprachzweigen zu einer größeren Gruppe zusammengefasst. Vor Entdeckung des Tocharischen und des Hethitischen wurde zwischen Kentum- und Satemsprachen unterschieden, wobei das Germanische mit dem Keltischen und dem Italischen zur Gruppe der Kentum-Sprachen gehörte. Diese auf nur einem phonologischen Einzelmerkmal beruhende Einteilung ist seit langem überholt, wenn sie auch v. a. in der englischen Literatur immer wieder abgeschrieben wird. Damit verlor in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Annahme einer "alteuropäischen Sprache" an Plausibilität und Einfluss.

Die germanischen Stämme breiteten sich bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. vermehrt aus ihrem ursprünglichen Sprachraum nach Süden und Westen Mitteleuropas aus. Hierbei verdrängten sie die Kelten und deren Sprache bis zu den Flüssen Rhein und zur Donau, die nun die Grenzströme zum keltischen Gallien und auch zum keltischen Rätien bildeten.

                                     

3. Erschließung

Da vom Urgermanischen keine Textzeugnisse erhalten sind, spricht man von einer Rekonstruktsprache, also einer Sprache, die durch die Methode der historisch vergleichenden Sprachwissenschaft erschlossen wird. Die Rekonstruktion des Urgermanischen erfolgt einerseits anhand der frühestbezeugten altgermanischen Einzelsprachen Gotisch, Althochdeutsch, Altenglisch, Altsächsisch, Altnordisch, Altniederländisch, Altfriesisch und Altfränkisch, andererseits durch den Vergleich mit den übrigen Zweigen der indogermanischen Sprachfamilie. Das Urgermanische ist einer der Fortsetzer der indogermanischen Ursprache. Für die Rekonstruktion des Urgermanischen geht man nicht in erster Linie von den modernen germanischen Sprachen aus, sondern von den frühesten bezeugten Sprachstufen der germanischen Sprachfamilie, da diese der Ursprache noch viel näher gestanden haben müssen.

Grundlage der Erschließung des Urgermanischen bilden demnach die altgermanischen Korpussprachen. Da sich diese in Form, Menge und Zeitpunkt der Überlieferung stark unterscheiden, spielen nicht alle altgermanischen Sprachen eine gleich wichtige Rolle für die Rekonstruktion. An erster Stelle stützt man sich auf das Gotische, da man heute dank der Wulfilabibel gute Kenntnisse über die archaische Sprache der Westgoten im 4. Jahrhundert besitzt. Die übrigen nord- und westgermanischen Sprachen sind erst ab dem frühen Mittelalter handschriftlich belegt: Althochdeutsch und Altenglisch ab dem 7. Jahrhundert, Altsächsisch ab dem 9. Jahrhundert, Altniederfränkisch ungefähr ab dem 10. Jahrhundert, Altnordisch ab dem 12. Jahrhundert in kurzen, urnordischen Runeninschriften allerdings bereits ab dem 2. Jahrhundert und Altfriesisch ab dem 13. Jahrhundert. Kurze Runeninschriften des West- und Südgermanischen Voralthochdeutsch, Altfränkisch gehen auf das 5. und 6. Jahrhundert zurück.

Das Alter der Überlieferung sagt aber nicht alles über den Wert einer Sprache für die Rekonstruktion aus. So zeigt beispielsweise das Gotische im Gegensatz zu den späteren Sprachen fast keine Spuren des Vernerschen Gesetzes im Verbalbereich mehr und bietet somit in diesem Punkt keine Hilfe bei der Rekonstruktion der urgermanischen Verhältnisse, obwohl das Gotische viel früher bezeugt ist als beispielsweise Althochdeutsch oder Altenglisch, welche dennoch die Resultate des Vernerschen Gesetzes noch deutlich zeigen.

Wichtige Hinweise für das Urgermanische liefert zudem ein mehrheitlich auf skandinavischem Boden gefundenes Korpus von Runen­inschriften. Etwa ab dem 2. Jahrhundert liegen solche Inschriften vor, die – je nach Lehrmeinung und Terminologie – sprachlich als urnordisch oder als nordwestgermanisch klassifiziert werden. Die Sprache dieser Inschriften steht der germanischen Ursprache, so wie man sie heute rekonstruiert, noch relativ nahe. Da viele Inschriften jedoch nicht eindeutig gedeutet sind oder nur aus einzelnen Wörtern oder Eigennamen bestehen, hält sich die daraus erwachsende Einsicht in Bezug auf das Urgermanische in Grenzen.

Weiteres Wissen über das Urgermanische stammt aus der frühen griechischen und lateinischen Überlieferung, wie bei Gaius Iulius Caesar und Tacitus. Auch frühe Lehnwörter können wichtige Aufschlüsse geben. Zum einen gibt es frühe germanische Lehnwörter in nicht indogermanischen Sprachen, so etwa im Finnischen und Estnischen kuningas ‚König, wohl von urgerm. *kuningaz. Andererseits lassen Lehnwörter, die beispielsweise aus dem Keltischen ins Germanische gekommen sind, gewisse Schlüsse zu.

Eine ebenfalls wichtige Methode für die Erschließung des Urgermanischen ist der sprachgeschichtliche Vergleich mit den übrigen indogermanischen Sprachzweigen und der aus diesen Zweigen erschlossenen indogermanischen Ursprache. Auf diese Weise können etwa Aussagen darüber gemacht werden, welche Eigenschaften das Urgermanische nach seiner Ausgliederung aus dem Urindogermanischen verloren haben muss. Zu weggefallenen Merkmalen kann eine Rekonstruktion, die ausschließlich auf den altgermanischen Einzelsprachen fußt, natürlich nichts erbringen.



                                     

4.1. Phonologie Phoneminventar

Im Urgermanischen gab es also kein kurzes.

Die stimmhaften Frikativlaute standen vermutlich in allophonischem Verhältnis mit den plosiven Entsprechungen b, d, g, gʷ, weshalb die Notation mit diesen Buchstaben ebenfalls zulässig ist.

                                     

4.2. Phonologie Lautliche Entwicklungen zum Urgermanischen

Zwischen dem Urindogermanischen und dem Urgermanischen stehen einige teils einschneidende lautliche Veränderungen. Ein Teil dieser Veränderungen ist zumindest relativ datierbar; die folgende Zusammenstellung gibt eine näherungsweise zeitlich Reihenfolge wieder:

                                     

4.3. Phonologie Lautwandel mit bisher unklarer Datierung

  • Festlegung des Wortakzents auf die Stammsilbe meist die erste Silbe, in Komposita hingegen regelmäßig die zweite. Diese geschah mit Sicherheit nach der Wirksamkeit des Vernerschen Gesetzes. Einige Autoren nehmen an, dass die Akzentverlagerung gleichzeitig mit der Ersten Lautverschiebung geschehen oder deren Ursache gewesen sei.
  • Durch das Vernersche Gesetz wurden stimmlose Frikative in bestimmten lautlichen Umgebungen stimmhaft. Zu diesem Zeitpunkt mussten noch die alten, indogermanischen Akzentverhältnisse bestanden haben. Traditionell wurde diese Veränderung nach der ersten Lautverschiebung datiert; heute wird zunehmend eine frühe Datierung bevorzugt, zuletzt von Wolfram Euler.
  • Indogermanisch /o/ wurde in allen Stellungen zu urg. /a/ und fiel dabei mit dem alten indogermanisch /a/ zusammen Datierung unklar. Vermutlich gleichzeitig wurden indogermanisch *oi und *ou zu germ. *ai bzw. *au.


                                     

4.4. Phonologie Späte Lautwandel nach etwa 500 v. Chr.

  • Vereinzelt bereits in urgermanischer Zeit begann die Abschwächung und der Verlust von Lauten und Silben am Wortende. In größerem Umfang geschah dies jedoch erst weit später, im Deutschen erst mit dem Übergang vom Alt- zum Mittelhochdeutschen im 10. Jahrhundert n. Chr.
  • Ebenfalls offenbar spät wurden verschiedene Konsonanten im Zuge des kombinatorischen Lautwandels an benachbarte Liquide und Nasale assimiliert. So wurde indogermanisch *-sm- zu urg. *-mm-, indogermanisch *-ln- zu urg. *-ll- und indogermanisch *-nw- zu urg. *-nn- vereinfacht.
  • Erst nach der ersten Lautverschiebung wurde indogermanisch /ā/ zu /ō, da mehrere keltische Lehnworte der La-Tène-Zeit etwa kelt. *brāka- ‚Hose diese Veränderung mitvollzogen haben. Zusammen mit dem Wandel von indogermanisch /o/ zu urgermanisch /a/ s. o. erklärt dies das Fehlen von /ā/ und /o/ im Urgermanischen.
  • Erste Lautverschiebung, auch Grimms Gesetz genannt. Vermutlich in mehreren Schritten wurden dabei die alten "Verschlusslautreihen" grundlegend umgebaut. Dabei entstand die Reihe neuer Frikativlaute wie -f-, -þ- dentaler Frikativ, vgl. engl. th- in thief und ch. Die Datierung der ersten Lautverschiebung ist umstritten; als sicher gilt, dass sie frühestens ab dem 5. Jahrhundert vor Christus begonnen haben kann, da eine Reihe nicht früher übernommener keltischer und skythischer Lehnwörter im Germanischen diese Veränderungen noch mitvollzogen haben. Ebenfalls für eine eher späte Datierung der Ersten Lautverschiebung sprechen eine kleine Zahl offenbar noch unverschobener germanischer Namen bei antiken Schriftstellern sowie der Umstand, dass in den alten indogermanischen Verschlusslautreihen trotz der Lautverschiebung im Germanischen keinerlei Vermischung eingetreten ist.

Da die phonologischen Lautwandel vom Indogermanischen zum Urgermanischen zumindest näherungsweise in ihrer zeitlichen Abfolge bestimmt werden können, wird seit längerem versucht, Übergangszustände zwischen diesen beiden Sprachzuständen phonologisch und morphologisch näher zu analysieren und zu beschreiben, die dann beispielsweise in der mittleren und späteren Bronzezeit oder der frühen vorrömischen Eisenzeit gesprochen wurden. In der englischsprachigen Literatur wird für diese Sprachzustände neben "Pre-Germanic" neuerdings auch der Begriff "Germanic Parent Language" verwendet, in der deutschsprachigen hingegen meist die Termini "vorgermanisch" oder "Protogermanisch vor der ersten Lautverschiebung".

                                     

5. Morphologie

Kategorien

Zum Urgermanischen hin hat sowohl im Nominal- als auch im Verbalbereich ein starker Kategorienabbau stattgefunden.

Beispielparadigmen

Als Beispielparadigma dient hier das Substantiv mit der Bedeutung ‚Gabe, das Verb für ‚tragen sowie das Demonstrativpronomen ‚dieser.

                                     

5.1. Morphologie Kategorien

Zum Urgermanischen hin hat sowohl im Nominal- als auch im Verbalbereich ein starker Kategorienabbau stattgefunden.

                                     

5.2. Morphologie Nominalsystem

Von den acht indogermanischen Kasus Fällen sind in der germanischen Ursprache noch sechs übrig: Nominativ, Akkusativ, Genitiv, Dativ, Instrumental und Vokativ. Der Instrumental ist nur noch im Westgermanischen, genauer: im Althochdeutschen und Altenglischen belegt, dadurch aber für das Urgermanische gesichert. Der Vokativ wiederum ist nur noch in wenigen Formen im Gotischen erhalten, hat aber bereits in der indogermanischen Ursprache in mehreren Deklinationen mit dem Nominativ übereingestimmt. Die Funktionen des Instrumentals, des Lokativs und des Ablativs sind überwiegend im Dativ aufgegangen, im Urnordischen überwiegen im Dativ sogar in mehreren Deklinationen die alten Lokativformen. Den Verlust an Kasus durch Vermischung oder andere Vereinfachungen der Paradigmen nennt man Synkretismus. Es gibt Hinweise, dass der Zusammenfall von Lokativ und altem Dativ in den Formen des urgermanischen Dativs nicht allzu lange vor Beginn der Überlieferung der germanischen Einzelsprachen geschehen ist, daher hat möglicherweise im Urgermanischen noch ein eigenständiger Lokativ existiert. Im Gotischen sind außerdem Reste des indogermanischen Ablativs nachweisbar v. a. in Adverbialbildungen. Dies deutet darauf hin, dass das indogermanische Acht-Kasus-System zumindest in prägermanischer Zeit noch lange existiert hat und womöglich erst im ausgehenden ersten Jahrtausend vor Christus zum urgermanischen Sechs-Kasus-System reduziert wurde.

An weiteren Kategorien kennt das Urgermanische die drei Numeri Singular, Dual und Plural sowie die drei Genera Maskulinum, Neutrum und Femininum.



                                     

5.3. Morphologie Verbalsystem

Hier kannte das Urgermanische an Kategorien die drei Modi Indikativ, Konjunktiv, Imperativ, sowie die zwei Diathesen Aktiv, Mediopassiv. Das komplexe Tempus/Aspektsystem des urindogermanischen Verbums wurde stark vereinfacht, und es blieben nur die zwei Tempora Präsens und Präteritum übrig, während Griechisch und Latein sechs oder sieben davon haben. Jedoch:

  • haben spätere germanische Sprachen beispielsweise Englisch ihr Zeitensystem mit Hilfe von periphrastischen Konstruktionen wieder stark ausgebaut;
  • hatte die indogermanische Ursprache möglicherweise doch weniger Verbalkategorien als etwa das Griechische, da manche Kategorien wie das Futur erst einzelsprachlich entstanden sein dürften. Vgl. etwa die Imperfektformen im Latein auf -bā-, die sich von einer urindogermanischen Verbalwurzel * bʱuéh₂ - ‚sein, werden ableiten amā-bā-s, wörtl. also ‚du warst am lieben;
  • enthält die germanische Vergangenheit Formen des Aorists und des Perfekts, wie das lateinische Perfekt.
                                     

5.4. Morphologie Neuerungen

Die zentralen Neuerungen des Urgermanischen sind:

  • Einführung einer schwachen Adjektivflexion. Die schwachen Adjektivformen weisen die Endungen der substantivischen n -Stämme auf und finden in syntaktisch bestimmten Kontexten insbesondere direkt nach dem Demonstrativpronomen Verwendung. Vgl. dazu ein glückliches Huhn stark und das glückliche Huhn schwach.
  • Einführung einer neuen Kategorie von "schwachen" Verben ohne Ablaut. Sie bilden das Präteritum mit einem Dentalsuffix, dessen Herkunft umstritten ist. Möglicherweise handelt es sich um ein Periphrase mit dem Wort * dōn- ‚tun oder um ein Suffix idg. *-to-.
  • Ausbau des Systems der starken Verben, wo die Flexion mit einem Zusammenwirken von distinktiven Endungen sowie von Ablaut Binnenflexion operiert.
                                     

6.1. Syntax Grundsätzliches

Die Erschließung der urgermanischen Syntax ist mit vielen Schwierigkeiten verbunden, weil die erhaltenen Texte nur bedingt Rückschlüsse auf die Wortstellung erlauben:

  • Die ältesten Runeninschriften bestehen selten aus vollständigen und fast nie aus gegliederten Sätzen. Oft liegen Einzelwörter oder Namen vor, die über die Syntax keinen Aufschluss geben.
  • Die frühesten Texte sind zu einem großen Teil Übersetzungsliteratur, die sich in der Satzstellung meist sehr eng an das jeweilige griechische oder lateinische Original hält. Besonders im Bereich der Bibelübersetzung spiegeln Interlinearübersetzungen oder Übersetzungen nach dem im Frühmittelalter vorherrschenden "Wort-für-Wort-Prinzip" in erster Linie die Syntax der übersetzten griechischen oder lateinischen Vorlage wieder oder bieten nur eine "verzerrte" gräzisierte oder latinisierte germanische Syntax. Hinweise auf die Syntax der altgermanischen Zielsprache finden sich deshalb besonders dort, wo die Übersetzung von der Syntax der Vorlage abweicht.
  • Bei altgermanischen Texten, die nicht Übersetzungsliteratur sind, handelt es sich oft um metrisch gebundene Poesie. Soweit die Syntax hier nicht ebenfalls durch Stilvorbilder aus anderen Sprachen, insbesondere aus dem Lateinischen, beeinflusst ist, kann sie zwar als germanisch gelten, doch die Syntax lyrischer Texte unterscheidet sich in vielen Fällen von derjenigen der Standard- oder Alltagssprache. Vor allem das Versmaß z. B. der germanischen stabreimenden Langzeile im altenglischen Beowulf oder der Endreim im Fall der althochdeutschen Evangelienharmonie Otfrids führen zu Abweichungen von der üblichen Syntax der altgermanischen Sprachen und letztlich auch des Urgermanischen. Diese Texte ermöglichen jedoch viele Rückschlüsse auf die Syntax, insbesondere dort, wo Metrik oder Endreim alternative Wortstellungen zulassen.

Generell ist die urgermanische Syntax weit weniger intensiv erforscht als Phonologie, Morphologie und Lexikon dieser Sprache. Als bislang einzige Monographie zu diesem Thema gilt die mehrbändige Arbeit von Otto Behaghel Deutsche Syntax. Eine geschichtliche Darstellung aus den Jahren 1924, 1928 und 1932. Seitdem wurde diese Problematik vor allem in Einzelartikeln hinsichtlich einzelner Aspekte erforscht. Eine aktuelle Zusammenfassung des Forschungsstandes gibt die Monographie von Wolfram Euler.

                                     

6.2. Syntax Wortstellung

Während beispielsweise im modernen Englisch als weitgehend endungsloser Sprache die Wortstellung relativ festgelegt ist und Abweichungen oft Bedeutungsunterschiede markieren, war in den früh überlieferten indogermanischen Sprachen Altindisch, Altgriechisch und auch Latein die Wortstellung weit weniger festgelegt. Dasselbe hat offenbar im ebenfalls noch sehr formenreichen Urgermanischen gegolten. Beispielsweise überwiegt in denjenigen urnordischen Runeninschriften, die vollständige Sätze mit Subjekt, Objekt und Verb enthalten, nur leicht die Wortstellung Subjekt-Objekt-Verb. Die Stellung Subjekt-Verb-Objekt ist ebenso geläufig und scheint in den voralthochdeutschen "südgermanischen" Inschriften etwas zu überwiegen.

Was die Stellung von Attributen Adjektive, Pronomina und Numeralia neben den Substantiven angeht, so ist das Bild ebenso uneinheitlich. In den ältesten altenglischen und althochdeutschen Texten geht das Substantiv dem Attribut etwas häufiger voraus als umgekehrt. Soweit das Attribut nachgestellt wird, war es regelmäßig betont. Da der Befund des Urnordischen wenig aussagefähig ist und dem Gebrauch im Westgermanischen jedenfalls nicht widerspricht, kann man annehmen, dass auch im Urgermanischen Attribute den Substantiven meist vorangingen und durch Nachstellung betont wurden.

                                     

6.3. Syntax Verwendung der Kasus

Im Urgermanischen hat der Dativ die Funktionen des indogermanischen Dativs, Lokativs, Ablativs und teilweise des Instrumentals auf sich vereinigt, morphologisch bestehen die Dative der altgermanischen Sprachen überwiegend aus altererbten Lokativ- und Dativformen. Dieser Entstehung des urgermanischen Dativs entspricht seine Verwendung als Sammelkasus in dativischer, lokativischer, ablativischer und auch instrumentaler Funktion in den altgermanischen Sprachen, die hier offenbar den urgermanischen Sprachgebrauch fortsetzen und der im Deutschen im Prinzip fortbesteht.

Bei den anderen erhaltenen Kasus weicht der Formengebrauch wenig von dem anderer indogermanischer Sprachen ab. Eine Besonderheit in allen drei Zweigen des Germanischen Ost-, Nord- und Westgermanisch ist der dativus absolutus, der eine Nebenhandlung oder Begleitumstände gegenüber einer Haupthandlung beschreibt. Er entspricht an mehreren Stellen dem lateinischen ablativus absolutus und dem griechischen absoluten Genitiv. Im heutigen Deutsch ist er am ehesten mit formelhaften Redewendungen im Genitiv wie "stehenden Fußes" oder "unverrichteter Dinge" vergleichbar.

Ähnlich wie im Lateinischen und vereinzelt im Deutschen gab es im Urgermanischen den AcI Akkusativ mit Infinitiv, denn er taucht nicht nur in Übersetzungen aus dem Lateinischen an den zu erwartenden Stellen auf, sondern auch mehrfach in der gotischen Bibelübersetzung abweichend von der griechischen Vorlage.

                                     

6.4. Syntax Verwendung der Tempora und Modi

Noch etwas stärker als das Kasussystem haben die germanischen Einzelsprachen bei Beginn ihrer Überlieferung das indogermanische verbale Formensystem reduziert und vereinfacht. Auch wenn das Urgermanische um Christi Geburt womöglich noch eine deutlich größere Vielfalt aufwies als etwa das ab dem 8. Jahrhundert überlieferte Althochdeutsche, so war ein großer Teil der Reduktion des Verbalsystems damals wohl bereits vollzogen.

Beispielsweise war der indogermanische Konjunktiv als Modus des festen Wunsches und der Absicht offenbar bereits ganz verschwunden. Seine Funktion wurde überwiegend vom erhalten gebliebenen Optativ Präsens mitübernommen, der in indogermanischer Zeit zunächst nur Mögliches, Unwirkliches und allgemein Gewünschtes bezeichnet hatte. Diese Entwicklung hat eine Parallele im Lateinischen, dessen neuer Konjunktiv auf indogermanischen Optativformen basiert, während etliche alte Konjunktivformen im Lateinischen zu Futur-Formen wurden vor allem in der konsonantischen Konjugation. Dementsprechend wurde im Urgermanischen der Prohibitiv negativer Wunsch und Verbot mit der Kombination aus *ne + Verbform im Optativ Präsens gebildet.

Während der indogermanische Aorist als eigenes Tempus der Vergangenheit im Germanischen bis auf wenige Reliktformen untergegangen ist, gab es ein Futur sowenig wie in der indogermanischen Ursprache. Dieses wurde im Urgermanischen vielmehr unverändert und wie im Deutschen vielfach bis heute mit dem Präsens + Adverb ausgedrückt morgen fahre ich nach Hause.

Eine urgermanische Innovation in Form und Funktion war der Optativ des Präteritums, der das Irrealis der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart bezeichnete, wie übereinstimmende Belege im Gotischen, Althochdeutschen, Altenglischen und Altnordischen belegen. Diese Verwendung des neuen Optativ Präteritums als Irrealis sämtlicher Zeitstufen trat offenbar erst ein, nachdem das urgermanische Präteritum als einstiges Perfekt den indogermanischen Aorist verdrängt hatte.

Außerdem kannte das Urgermanische eine Consecutio temporum Zeitenfolge zur Unterscheidung von Vor- und Gleichzeitigkeit in Haupt- und Nebensatz. Ein Plusquamperfekt gab es noch nicht, so dass die Vorvergangenheit im Nebensatz mit dem Präteritum ausgedrückt wurde.

                                     

7. Wortschatz

Der urgermanische Wortschatz enthält viele Wörter, für die ein indogermanischer Ursprung schwer nachzuweisen ist oder rundheraus abgestritten wird vgl. Germanische Substrathypothese. Diese Unsicherheiten betreffen vor allem Bereiche der gesellschaftlichen Gliederung sowie Schiffswesen und Seefahrt und haben zur Behauptung einer Beeinflussung durch eine zuvor vorhandene Sprache Substrat und einer Entstehung des Germanischen als Einwanderersprache geführt; für die meisten der für diese Hypothesen ins Feld geführten Lemmata sind jedoch schon indogermanische Etymologien vorgeschlagen worden.

Lehnwörter belegen vor allem nahe Beziehungen im Sinne eines Sprachbunds zu den keltischen Sprachen. Daneben wurde das Finnische schon früh mit mehreren germanischen Wörtern beeinflusst, die es in nahezu unveränderter Form bis heute bewahrt hat, so die Worte kuningas ‚König aus urg. *kuninǥaz und rengas ‚Ring aus urg. *χrenǥaz in beiden Worten steht z für stimmhaftes s.

                                     

8. Textproben

Verschiedene Linguisten haben Textproben in der erschlossenen urgermanischen Sprache verfasst. Carlos Quiles Casas hat im Jahr 2007 folgende Version der bekannten indogermanischen Fabel Das Schaf und die Pferde von August Schleicher veröffentlicht Quelle: Englische Wikipedia/A Grammar of Modern Indo-European, 2007, die er auf 500 v. Chr. datiert:

Der Münchner Indogermanist Wolfram Euler schlug ebenfalls im Jahre 2007 für denselben Text folgende urgermanische Rekonstruktion vor Sprachstand um Christi Geburt:

Die deutsche Übersetzung lautet:

                                     
  • Gesamtdarstellung der germanischen Sprachen Auf Untergruppen und einzelne Sprachen und ihre Dialekte wird verwiesen. Die urgermanische Sprache wird in einem separaten
  • Germanische Sprachen einen Zweig der indogermanischen Sprachfamilie unwissenschaftlicher Ausdruck für die rekonstruierte Urgermanische Sprache Siehe auch:
  • Lexem in einer germanischen Sprache in der gotischen Sprache mit der Bedeutung Volk Das für die urgermanische Sprache rekonstruierte þeudō bildet
  • zurückblickend ist die deutsche Sprache aus der indirekt erschlieSbaren urgermanischen Sprache sowie aus der urindogermanischen Sprache die noch tiefer in der
  • Griechische Zauberpapyri pgm steht für: die protogermanische Sprache siehe Urgermanische Sprache pgm steht für: Dateiendung für Dateien mit Portable Graymap
  • und die erste Lautverschiebung. Der These zufolge entstand die urgermanische Sprache um 2000 v. Chr. als eine Art Kreolsprache zwischen einer frühen
  • Die altfränkische Sprache hat sich in den ersten Jahrhunderten nach Christus in einem kontinuierlichen Prozess aus den urgermanischen Dialekten der Herkunftsgebiete
  • urnordische Sprache manchmal auch zur späteren altnordischen Sprache gerechnet ist die älteste überlieferte Form der nordgermanischen Sprachen und wurde
  • germanische Sprache kann gemeint sein: eine Einzelsprache aus der Sprachgruppe Germanische Sprachen die Stammform dieser Gruppe, Urgermanisch oder Protogermanisch
  • stimmlose oder stimmhafte urgermanische Konsonanten in anderen verwandten germanischen Varietäten hindeuten. Der Ursprung von urgermanischem ll, rr, nn und
  • Sprachstufe 4. 3. Jahrtausend vor Christus andererseits auf die urgermanische Sprachschicht seit der Zeit um Christi Geburt. Und doch betonen zahlreiche
  • Umstand, dass sich die urgermanische Spracheinheit spätestens ab dieser Zeit allmählich auflöste, aber alle germanischen Sprachen die Lautverschiebung komplett
                                     
  • Sprachen bereits in frühester Zeit von indogermanischen Sprachen beeinflusst. Zahlreiche Entlehnungen aus dem Germanischen weisen eine urgermanische Form
  • Bezeichnung geht jedoch nicht auf die lateinische, sondern auf die urgermanische Sprache zurück. Das althochdeutsche austar - bedeutet soviel wie östlich
  • bedenken, dass die urgermanische Sprache von Beginn ihres Bestehens an kein einheitliches System darstellte. Eine germanische Sprache mit festgelegten Regeln
  • germanischen Sprache Das Gotische unterscheidet sich von west - und nordgermanischen Sprachen unter anderem durch den Erhalt der urgermanischen Endung - z
  • Der Grund der Ablehnung lag darin, dass Nissen Friesisch für die urgermanische Sprache hielt und deshalb in groSer Zahl Lehn - und Fremdwörter aufgenommen
  • keltische Sprache die im Altertum in Gallien gesprochen wurde. Die gallische Sprache ist die am besten belegte der fünf festlandkeltischen Sprachen die heute
  • Als altniederländische Sprache die auch als altniederfränkische Sprache bekannt ist, bezeichnet man die älteste bekannte Sprachstufe des Niederländischen
  • Die litauische Sprache Litauisch litauisch lietuvių kalba ist eine baltische Sprache innerhalb der Familie der indogermanischen Sprachen Es gibt knapp
  • germanischen Sprachen bekannt gewesen. Anstatt das Urgermanische für eine zeitlich undifferenzierte Sprache zu halten, war ihm bewusst, dass Urgermanisch einen
  • Optativs Präteritum als Irrealis trat offenbar erst ein, nachdem das urgermanische Präteritum als einstiges Perfekt den indogermanischen Aorist verdrängt
                                     
  • Die altsächsische Sprache abgekürzt As. oder altniederdeutsche Sprache abgekürzt And. ist die älteste Sprachstufe des Niederdeutschen Plattdeutsch
  • sie haben gesehen zurückgeht vgl. lat. videre sehen Die für das Urgermanische nachgewiesenen Verben sind: Die Präteritumsform weiz hat ursprünglich
  • plattdeutsche Sprache wird eine hauptsächlich im Norden Deutschlands vgl. West - und Ostniederdeutsch verbreitete westgermanische Sprache bezeichnet, die
  • Isländischen hat sich bei im Urgermanischen mit dem Frikativ z endenden Wörtern das z zu r entwickelt: dagur Tag aus dem urgermanischen daγaz raudur rot aus
  • vernersches Gesetz, gelegentlich Verner sches Gesetz beschreibt eine im Urgermanischen wirksame Ausnahme der ersten germanischen Lautverschiebung, nämlich
  • Lautwert O Sie fehlt im altnordischen Runenalphabet. Der rekonstruierte urgermanische Runenname geht auf ōþalan vgl. ahd. uodil zurück. Er bedeutet vermutlich
  • idealtypisch allen Angehörigen einer Sprachgemeinschaft verständliche Sprache im Gegensatz zum Dialekt und zu Fachsprachen auch allgemeiner Sprachgebrauch
  • h₃éwis Schaf Rekonstruierte Sprachen haben häufig die Vorsilbe Ur - im Namen im Englischen Proto - So ist das Urgermanische die nicht überlieferte, aber

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Wechseln zu: Navigation, Suche. Der gemeinsame Vorläufer der germanischen Sprachen wird in Süd Skandinavien vermutet. Fachgebiet: DDC 400 Sprache 430 Deutsch, germanische. Indogermanen hätten mit den Nachkommen der Menschen der ehemaligen Erteböllekultur so starke Kontakte aufgebaut, so das ihre Sprachen. Suchen germanische Sprachen Duden. Gefundene Synonyme: Illevionische Sprache, Oder Weichsel Germanische Sprache, ostgermanische Sprache, Vandilische Sprache,.


Germanisches Wörterbuch Gerhard Köbler.

430 Deutsch, germanische Sprachen allgemein 2. Gruppieren nach: Jahr Person Publikationsform Keine Gruppierung. Springe zu: 2017 2010. Anzahl der. Germanische Sprachen Linguaviva Sprachen Blog. Germanische Sprachen. Ursprung, Gliederung. Germanen ist die Sammelbezeichnung für Stämme und Völker in Südskandinavien und im Bereich der. Germanische Sprachen aus dem Lexikon. Die deutsche Sprache ist eine germanische Sprache. Das heißt, dass sie sich aus der Sprache der alten Germanen entwickelt hat.





M.A. Intercultural Linguistics: Germanische Gegenwartssprachen.

Kymrisch Bretonisch Deutsch und weitere germanische Sprachen In dem beantragten Forschungsprojekt wird erstmals anhand von Sprachen, die über. Germanische Sprachen Kanzlei Weikopf. Durch ihre Verbreitung über alle Erdteile stehen sie heute unter den Sprachen der Erde mit an vorderster Stelle. Zu den germanischen Sprachen gehören.


Germanischen Sprachen Struktur und Geschichte des.

Germanische Sprachen. Etwa 2000 v. Chr. begann mit der Neubesiedlung des westlichen Ostseeraumes die Abtrennung der germanischen Sprachen aus dem​. Germanische Sprachen Referat, Hausaufgabe, Hausarbeit. Sprache ist das Germanische deshalb der Name Während die erste oder germanische Lautverschiebung in allen germanischen Sprachen auftrat. VL Germanische Sprachen Gotisch & Ostgermanische Sprachen. Dennoch bieten sich gerade germanische Sprachen an, auch unter germanischen Sprache rezeptive Fähigkeiten zu erwerben. 2 …. Deutsch als germanische Sprache German as a Germanic Language. Übersetzungen für germanische Sprachen im Englisch Deutsch ​Wörterbuch, mit echten Sprachaufnahmen, Illustrationen, Beugungsformen,.


ᐅ GERMANISCHE SPRACHE – Alle Lösungen mit 10 Buchstaben.

Sprachwissenschaftliches Proseminar. Übung. ÜK: Lektürekurs. Eike U. Decker. Deutsch als germanische Sprache. German as a Germanic Language. Fr, ​. 400 Sprache 430 Deutsch, germanische Sprachen allgemein. Die Ur Indogermanen kannten in der Frühzeit nur zwei grammatische Geschlechter: Ein Genus commune, also eine Art Unisex Form statt.


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