Italiener auf der Krim

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dem Einmarsch der Wehrmacht in die Sowjetunion im Juni 1941 ließ Stalin am 20. August 1941, noch vor Eintreffen der deutschen Wehrmachtsverbände auf der Krim im Herbst 1941, aus Furcht vor einer Kollaboration mit dem Feind Deutsches Reich fast 53.000 Krimdeutsche "auf ewige Zeiten" vertreiben.
Kertsch wurde am 16. November 1941 für sechs Wochen von der Wehrmacht besetzt und am 30. Dezember 1941 in der Kertsch-Feodossijaer Operation von der Roten Armee kurzzeitig zurückerobert. Die dort lebende italienischstämmige Bevölkerung wurde zum Volksfeind erklärt und auf der Grundlage einer von der deutschen Wehrmacht durchgeführten Volkszählung wegen angeblicher Kollaboration mit dem Feind "zur eigenen Sicherheit" in drei Deportationsschüben nach Kasachstan und Sibirien deportiert.
Die Quellen stimmen mit der Zahl der Deportierten nicht überein. Schätzungen zufolge waren es nicht weniger als 2.000 Kertschitaliener. Die erste und umfangreichste Deportation fiel in die Zeit vom 28./29. Januar 1942, und wer der ersten Razzia entkommen war, wurde vom 8. bis 10. Februar 1942 72 Personen deportiert. Die wenigen Familien weniger als zehn, die noch übrig blieben, wurden am 24. Juni 1944 nach der zweiten Rückeroberung der Roten Armee deportiert. Während die ersten beiden Gruppen nach Kasachstan deportiert wurden, wurde die dritte und letzte Gruppe nach Sibirien verschleppt.
Innerhalb von zwei Stunden mussten die Deportierten abfahrbereit sein und sich nach Kamysch-Burun heute: Arschynzewo, ein Stadtviertel im Südwesten von Kertsch, dem Sammelplatz, begeben. Jede Person durfte nicht mehr als 8 kg mitnehmen.
Bartolomeo Evangelista * 1915 in Kertsch; †nach 2000 in Saratow, der von den sowjetischen Behörden beschuldigt wurde, während der deutschen Besetzung der Stadt, weiterhin seinen Aufgaben als Chefingenieur im Trockendockwerk von Kertsch nachgegangen zu sein, berichtet:
In Kamysch-Burun wurden die Kertschitaliener im Morgengrauen des 29. Januar auf Lastwagen verladen, an den Hafen gefahren und im Laderaum von zwei Dampfern verstaut. Kurz nach der Abfahrt versank einer der Dampfer nach einem deutschen Bombenangriff mit seiner menschlichen Ladung. Der andere Dampfer," Kalinin”, kam am Nachmittag gegen 5 Uhr in Noworossijsk an. 400–500 Menschen wurden am Anlegeplatz ausgeladen und mussten die Nacht im Freien auf dem Pier verbringen.
Von Noworossijsk ging es am 31. Januar weiter in zehn Viehwaggons zwei bei der zweiten Deportationsgruppe. Es begann eine über 6.000 km lange Reise durch sechs heute unabhängige Staaten: Russland, Georgien, Aserbaidschan, Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan. Über Baku in Aserbaidschan, Krasnowodsk in Turkmenistan, Aralsk in Kasachstan kamen die Deportierten in der Nacht zum 5. März 1942 10. April 1942 bei der zweiten Deportationsgruppe bei −30 °C in Atbassar in der Provinz Akmolinsk an, wo sie in der Steppe ausgesetzt wurden. Wer Glück hatte und als zur Arbeit geeignet angesehen wurde, wurde von Vertretern der Kolchosen ausgewählt und auf Karaganda, Akmolinsk und Umgebung aufgeteilt, wo sie in Baracken und Semljankas Erdhütten untergebracht wurden.
Die meisten der deportierten Kinder und älteren Menschen starben infolge der Strapazen, der Kälte, des Hungers und der Krankheiten der wochenlangen Fahrt. Die Leichen wurden in den wenigen Bahnhöfen, wo die Züge anhielten, zurückgelassen.
Während Frauen, Kinder und ältere Menschen in die Kolchosen nach Karaganda Dolinka, Spasski, Akmolinsk und Atbassar Prigorodnoje geschickt wurden und dort nach Überlebensmöglichkeiten suchen mussten, die man den "Faschisten" eigentlich gar nicht zubilligte, wurden die Männer zwischen 15 und 65 Jahren zur Zwangsarbeit in das metallurgische Kombinat von Tscheljabinsk transportiert, das unter der Leitung des NKWD im Bau war. Auf dem Territorium des Kombinats befanden sich 15 Lagerpunkte OLP = separater Arbeitslager-Subsektor, wo mehr als 90.000 Menschen untergebracht waren: Deutsche, Italiener, Ungarn, Rumänen, Polen, Finnen usw., die zum Teil im Bau des metallurgischen Kombinats, zum Teil in den Bergwerken und im Bau von Straßen und Häusern eingesetzt wurden.
Alle Deportierten wurden nach ihrer Ankunft in der Geschäftsstelle der Militärführung registriert. Der Pass wurde abgenommen und mit einem Stempel Spezposelenie Sondersiedlung versehen. Verboten war, sich ohne die Erlaubnis der Militärverwaltungsleitung außerhalb des jeweiligen Dorfes frei zu bewegen. Außerdem mussten sich die Deportierten einmal im Monat bei der Militärführung melden.
Deportiert wurden allerdings nicht nur die Italienischstämmigen, sondern auch die italienischen Antifaschisten, die in den 1920er Jahren aus Italien geflüchtet waren und in der Sowjetunion Unterschlupf gefunden hatten s. o. Die italienische Botschaft in Moskau interessierte sich für die italienischen Bürger, die seit 1941 in Karaganda im Lager 99 interniert waren. Einige von ihnen wurden freigelassen, ausgewiesen und nach Italien abgeschoben.
Einige der wenigen Überlebenden erhielten in den 1950er und 1960er Jahren während der Amtszeit Chruschtschows die Erlaubnis, nach Kertsch zurückzukehren. Dort mussten sie feststellen, dass sie alles verloren hatten und nicht mehr in ihre ehemaligen Häuser zurück durften. Viele konnten nicht einmal mehr nachweisen, dass sie italienischer Abstammung sind, da ihnen ihre Dokumente im Moment der Deportation abgenommen worden waren.
Einige Familien blieben in Tscheljabinsk, in anderen Orten im Ural, in Kasachstan, in Usbekistan, in Kuban, in der Republik Komi und in Saratow. 1993 lebten in Kasachstan noch 365 Personen italienischer Abstammung.
Offiziell kamen bei diesen Deportationen 1.028 Italiener ums Leben; die Hälfte davon gehörte zur Gemeinde Kertsch. Die anderen waren ausgewanderte italienische Antifaschisten, vor allem kommunistische Aktivisten.

1. Aktuelle Situation
Am 26. April 1991 verabschiedete der Oberste Sowjet das Gesetz № 1107-1 zur Rehabilitierung der repressierten Völker ". In diesem Dokument wurden ausdrücklich 20 Nationalitäten und andere zur Rehabilitierung angegeben. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und der Zuweisung des Territoriums an die Ukraine übernahm das Parlament der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Krim 1992 die sowjetische Resolution und erkannte die deportierten lokalen ethnischen Minderheiten der Tataren, Deutschen, Griechen, Armenier und Bulgaren an. In Kertsch wurde das Denkmal gegen Grausamkeit und Gewalt errichtet, das die fünf Nationalitäten auflistet. Die Italiener, die für die Sowjets unter andere fielen, waren nicht als deportierte Ethnie anerkannt worden Stand: März 2015. Diese Anerkennung ist mit wirtschaftlichen Vorteilen verbunden. Dies sind Rentenerhöhung, Preisnachlass auf Medikamente und Transport, Befreiung von Studiengebühren, kostenlose Ferienlager für Kinder und finanzielle Unterstützung für die Rückkehr auf die Krim für diejenigen, die noch in den Deportationsorten leben.
Von 1992 bis 1997 erhielt die italienische Botschaft in der Ukraine 47 Anträge auf Erhalt der italienischen Staatsangehörigkeit, von denen nur zwei einen positiven Ausgang hatten. Nur sehr wenige Mitglieder der italienischen Gemeinde auf der Krim haben heute eine ordnungsgemäße Dokumentation, da ihr Hab und Gut zusammen mit den Reisepässen im Moment der Deportation beschlagnahmt worden sind.
Nach der Rückkehr auf die Krim haben viele ihre ethnische Herkunft verborgen und die Russifizierung ihres Namens erhalten. Heute leben die meisten der Italiener mehr als 300 in Kertsch. Nachnamen wie Bianchi, Fabiano, Giacchetti, Pergalo, Petroni u. a. erinnern an ihre Herkunft.
Am 28. Juli 2008 wurde unter dem Vorsitz von Giulia Giacchetti Boico der Verein CERKIO C omunità degli E migrati in R egione di K rimea – I taliani di O rigine – Gemeinschaft der Auswanderer in der Region Krim – Italienischer Herkunft gegründet.
Jedes Jahr am 29. Januar versammeln sich die Überlebenden und Nachkommen der italienischen Gemeinde auf dem Pier von Kertsch, wo mit einer Zeremonie an die Toten der Massendeportation der Italiener von 1942 erinnert wird.
Im Jahre 2016 wurde schließlich auch der italienischen Minderheit die Rehabilitierung zugesichert und damit die Erlaubnis für noch immer im Ausland lebende Krim-Italiener und deren Nachkommen in die historische Heimat zurückkehren zu dürfen. Dem vorausgegangen war der im Jahre 2014 unterzeichnete Erlass durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin, welcher zunächst nur den deportierten ethnischen Minderheiten der Armenier, Bulgaren, Griechen, Krimtataren und Krimdeutschen eine Rehabilitierung und Rückkehr zubilligte.